Kopfkino

Die Leinwand ist weiß. Jungfräulich weiß. Ehe langsam Umrisse und Strukturen erscheinen. Linien. Formen. Teilweise Farben. Ein altes Gemäuer. Eine menschenleere Landschaft. Schädel, Gebein und Kreuze. Grauer Nebel und bedrohlich über Baumwipfeln hängende Wolken. Aus einzelnen Details werden lebendige Bilder – bestehend aus Erinnerungen und Sehnsüchten. Ich bin Betrachter und Schöpfer zugleich. Regisseur, Filmvorführer, Zuschauer. Den Knopf des Projektionsapparats drückend und auf Gedankenexkursion gehend. Während jener Reise entdecke ich Friedhöfe, wandere durch weite Landschaften, blicke auf norwegische Fjorde, erforsche verlassene Gebäude und erfreue mich an der stillen und einzigartigen Atmosphäre europäischer Beinhäuser. Kopfkino. Der Eintritt ist frei.




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25 Jahre und kein bisschen leise – Oder: das Zweiradteleportationsstationsrätsel

„One-chew-free-faw…“ Als diese vier Worte ertönten, teilte sich die Masse hinter uns, um einer Gruppe ausgelassen tanzender Punks Platz zu machen. Wenn ich an die Anfänge meiner persönlichen Festivalhistorie zurückdenke, habe ich sofort dieses Bild vom Bizarre-Festival 1990 vor Augen. Im Geiste formen die Lippen ein dynamisches „Hey Ho, Let´s Go“ und ich frage mich, ob damals wirklich jeder zweite Besucher ein Shirt mit Ramones-Aufdruck trug, wie es mir meine Erinnerung glauben lassen möchte. Mittlerweile ist über ein Vierteljahrhundert ins Land gegangen, die Hälfte der damals auf der Bühne Stehenden zelebrieren ihren Drei-Akkorde-Punk-Rock im Himmel der Musiklegenden und auch das Bizarre ist längst Geschichte.

Bizarre 1990

Was blieb ist jedoch die Leidenschaft für Musik. Und so sind die Besuche einiger Festivals im Jahr weiterhin ein fester Bestandteil meines Lebens. Allen voran wurde das Wave-Gotik-Festival zur Tradition. Und so möchte ich im Rahmen des „Gothic Friday“ ein wenig in meinem Gedächtnis kramen, zurückblicken, mich an schöne Momente erinnern und persönliche Eindrücke wiedergeben.

War es anfänglich die allgemeine Atmosphäre einer von der Farbe Schwarz dominierten Stadt, die mich sprachlos werden ließ und mir nach Pfingsten Tage voller Post-WGT-Melancholie bescherte, sind es mittlerweile die zahlreichen Begegnungen mit besonderen Menschen, mit denen ich Ansichten und Vorlieben teile und deren Gesellschaft man viel zu selten genießen kann. weiter lesen »

Gesichter des Wave-Gotik-Treffens – 10 Jahre Pfingstgeflüster

Pfingstgeflüster

Während das Wave-Gotik-Treffen seinen 25. Geburtstag begeht, feiert das „Pfingstgeflüster“ das Erscheinen seiner zehnten Ausgabe. Regelmäßig einige Wochen nach dem Wave-Gotik-Treffen blickt dieser Bild-Text-Band auf das umfangreiche Geschehen während der Pfingsttage in Leipzig zurück.
Anlässlich dieses Jubiläums habe ich vom 13. bis 16. Mai 2016 die große Ehre, im Foyer des ersten Stocks des Grassi Museums 38 Schwarz-Weiß-Aufnahmen zu zeigen. Hierbei handelt es sich um ausgewählte Porträts von Besuchern des Wave-Gotik-Treffens, die ich im Laufe meiner zehnjährigen Tätigkeit als Fotograf und Herausgeber für das „Pfingstgeflüster“ an besonderen Orten in Leipzig angefertigt habe.

Der Eintritt zu dieser Sonderausstellung ist frei (und somit auch ohne WGT-Bändchen möglich). Für andere Ausstellungsbereiche des Grassi Museums wird hingegen eine Museumseintrittskarte oder ein WGT-Bändchen benötigt.

Ausstellungsplakat

Grünes Paradies: Waldfriedhof Oberrad (Frankfurt)

Die Nacht vor meinem Besuch war regnerisch. Doch der Morgen begrüßte mich nur noch tröpfelnd und ehe sich der Waldzugang pünktlich öffnete, hatten die Wolken ein Einsehen.

Der Waldfriedhof Oberrad präsentierte sich als kleines Naturparadies. Das frenetische Konzert hunderter kleiner gefiederter Sänger übertönte mit Leichtigkeit die schwachen Klänge der wenigen, direkt am Friedhof vorbeieilenden Fahrzeuge. Hohe Bäume, viele Sträucher und dieses Trillern, Zwitschern, Piepsen… zunächst waren keine friedhofstypischen Elemente zu erkennen, allerdings verwandelte die in der Luft schwebende Feuchtigkeit die grüne Umgebung in ein besonderes, fast mystisches Ambiente.

Nach einigen Schritten und der Erkenntnis, diese melancholische Stimmung vorerst mit keinen weiteren Besuchern teilen zu müssen, tauchte ein Zaun mit einem Tor auf: eine Ruhestätte für Gefallene des 2. Weltkrieges. Eine beeindruckende, überlebensgroße Skulptur symbolisierte mahnend den Schmerz. Von den hohen Bäumen herabfallendes Wasser und die daraus entstehenden kleinen glitzernden Tropfen milderten das bedrückende Erscheinungsbild.

Nachdenkliches hinter mir lassend wendete ich mich den zwischen Buschwerk gerade so sichtbar werdenden Grabreihen zu. Nicht ohne ein Hinweisschild der Friedhofsverwaltung mit einem Lächeln zu bedenken: Besucher sollen bitte Verständnis für die Wildtiere des Friedhofs haben. weiter lesen »

Parken für die Ewigkeit: Autofriedhof Kyrkö Mosse

Nach einer regnerischen Nacht ist die Luft klar und frisch. Keine weiteren Besucher hat es an diesem Vormittag auf den kleinen Parkplatz verschlagen, neben dem ein handgeschriebenes Schild in drei Sprachen auf eine „Attraktion“ abseits der großen Hauptstraßen hinweist. Ein Weg führt in den Wald. Nach wenigen Metern stehen die Reste alter Karosserien Spalier. Dunstiges Morgenlicht hüllt die ausgeschlachteten Fahrzeuge in ein sanftes Licht. Nur das leise Trommeln der von den Bäumen auf das Blech der Autodächer herabfallenden Tropfen ist zu vernehmen. Ansonsten herrscht eine angenehme Stille. Um eine alte, verwüstete Werkstatt gruppieren sich weitere Schrottautos. Einige Wagen erinnern an alte amerikanische Gangsterfilme, als Ganoven mit elegant sitzenden Hüten und Maschinengewehren bewaffnet auf den Trittbrettern außen an den Fahrzeugen standen. Und sogar ein großer Bus hat hier in sumpfigem Gebiet seine letzte Ruhestätte gefunden. Aufgebockt, als könnte jeden Augenblick der Mechaniker mit einem Ersatzteil um die Ecke kommen. Doch der mittlerweile verstorbene Åke Danielsson hat sein Zuhause bereits vor über zwei Jahrzehnten verlassen. Fast gespenstisch erscheinen so die blechernen Hüllen, mit denen früher über Schwedens Straßen gefahren wurde. Zur Arbeit, zum Sport oder ins Kino. Autos, in denen gelacht und geweint wurde. Ihrer Scheiben und Reifen beraubt, wehren sie sich vergeblich gegen den Verfall und die Vereinnahmung durch die Natur. Auf zerbröselnden Lederpolstern wachsen Stauden und Farne. Einige Karosserien ähneln so einem kleinen Gewächshaus.

Anders als in der Schweiz (Gürbetal) und in Belgien (Chatillon), wo sehenswerte Autofriedhöfe vollständig geräumt wurden, haben sich in Südschweden die Befürworter durchgesetzt. Bis 2050 dürfen die Autowracks bleiben. Sozusagen als kulturelles Erbe. Für manche vielleicht auch als Mahnmal für die Wegwerfmentalität unserer Gesellschaft. Doch die Kraft von Regen und Sonne, Frost und Hitze und vor allen die intensiven Bemühungen von Flechten, Moosen und Pilzen sind beträchtlich. Es ist anzunehmen, dass in fast vier Jahrzehnten nicht mehr viele sichtbare Spuren vorhanden sein werden. weiter lesen »