Gesichter des Wave-Gotik-Treffens – 10 Jahre Pfingstgeflüster

Pfingstgeflüster

Während das Wave-Gotik-Treffen seinen 25. Geburtstag begeht, feiert das „Pfingstgeflüster“ das Erscheinen seiner zehnten Ausgabe. Regelmäßig einige Wochen nach dem Wave-Gotik-Treffen blickt dieser Bild-Text-Band auf das umfangreiche Geschehen während der Pfingsttage in Leipzig zurück.
Anlässlich dieses Jubiläums habe ich vom 13. bis 16. Mai 2016 die große Ehre, im Foyer des ersten Stocks des Grassi Museums 38 Schwarz-Weiß-Aufnahmen zu zeigen. Hierbei handelt es sich um ausgewählte Porträts von Besuchern des Wave-Gotik-Treffens, die ich im Laufe meiner zehnjährigen Tätigkeit als Fotograf und Herausgeber für das „Pfingstgeflüster“ an besonderen Orten in Leipzig angefertigt habe.

Der Eintritt zu dieser Sonderausstellung ist frei (und somit auch ohne WGT-Bändchen möglich). Für andere Ausstellungsbereiche des Grassi Museums wird hingegen eine Museumseintrittskarte oder ein WGT-Bändchen benötigt.

Ausstellungsplakat

Grünes Paradies: Waldfriedhof Oberrad (Frankfurt)

Die Nacht vor meinem Besuch war regnerisch. Doch der Morgen begrüßte mich nur noch tröpfelnd und ehe sich der Waldzugang pünktlich öffnete, hatten die Wolken ein Einsehen.

Der Waldfriedhof Oberrad präsentierte sich als kleines Naturparadies. Das frenetische Konzert hunderter kleiner gefiederter Sänger übertönte mit Leichtigkeit die schwachen Klänge der wenigen, direkt am Friedhof vorbeieilenden Fahrzeuge. Hohe Bäume, viele Sträucher und dieses Trillern, Zwitschern, Piepsen… zunächst waren keine friedhofstypischen Elemente zu erkennen, allerdings verwandelte die in der Luft schwebende Feuchtigkeit die grüne Umgebung in ein besonderes, fast mystisches Ambiente.

Nach einigen Schritten und der Erkenntnis, diese melancholische Stimmung vorerst mit keinen weiteren Besuchern teilen zu müssen, tauchte ein Zaun mit einem Tor auf: eine Ruhestätte für Gefallene des 2. Weltkrieges. Eine beeindruckende, überlebensgroße Skulptur symbolisierte mahnend den Schmerz. Von den hohen Bäumen herabfallendes Wasser und die daraus entstehenden kleinen glitzernden Tropfen milderten das bedrückende Erscheinungsbild.

Nachdenkliches hinter mir lassend wendete ich mich den zwischen Buschwerk gerade so sichtbar werdenden Grabreihen zu. Nicht ohne ein Hinweisschild der Friedhofsverwaltung mit einem Lächeln zu bedenken: Besucher sollen bitte Verständnis für die Wildtiere des Friedhofs haben. weiter lesen »

Parken für die Ewigkeit: Autofriedhof Kyrkö Mosse

Nach einer regnerischen Nacht ist die Luft klar und frisch. Keine weiteren Besucher hat es an diesem Vormittag auf den kleinen Parkplatz verschlagen, neben dem ein handgeschriebenes Schild in drei Sprachen auf eine „Attraktion“ abseits der großen Hauptstraßen hinweist. Ein Weg führt in den Wald. Nach wenigen Metern stehen die Reste alter Karosserien Spalier. Dunstiges Morgenlicht hüllt die ausgeschlachteten Fahrzeuge in ein sanftes Licht. Nur das leise Trommeln der von den Bäumen auf das Blech der Autodächer herabfallenden Tropfen ist zu vernehmen. Ansonsten herrscht eine angenehme Stille. Um eine alte, verwüstete Werkstatt gruppieren sich weitere Schrottautos. Einige Wagen erinnern an alte amerikanische Gangsterfilme, als Ganoven mit elegant sitzenden Hüten und Maschinengewehren bewaffnet auf den Trittbrettern außen an den Fahrzeugen standen. Und sogar ein großer Bus hat hier in sumpfigem Gebiet seine letzte Ruhestätte gefunden. Aufgebockt, als könnte jeden Augenblick der Mechaniker mit einem Ersatzteil um die Ecke kommen. Doch der mittlerweile verstorbene Åke Danielsson hat sein Zuhause bereits vor über zwei Jahrzehnten verlassen. Fast gespenstisch erscheinen so die blechernen Hüllen, mit denen früher über Schwedens Straßen gefahren wurde. Zur Arbeit, zum Sport oder ins Kino. Autos, in denen gelacht und geweint wurde. Ihrer Scheiben und Reifen beraubt, wehren sie sich vergeblich gegen den Verfall und die Vereinnahmung durch die Natur. Auf zerbröselnden Lederpolstern wachsen Stauden und Farne. Einige Karosserien ähneln so einem kleinen Gewächshaus.

Anders als in der Schweiz (Gürbetal) und in Belgien (Chatillon), wo sehenswerte Autofriedhöfe vollständig geräumt wurden, haben sich in Südschweden die Befürworter durchgesetzt. Bis 2050 dürfen die Autowracks bleiben. Sozusagen als kulturelles Erbe. Für manche vielleicht auch als Mahnmal für die Wegwerfmentalität unserer Gesellschaft. Doch die Kraft von Regen und Sonne, Frost und Hitze und vor allen die intensiven Bemühungen von Flechten, Moosen und Pilzen sind beträchtlich. Es ist anzunehmen, dass in fast vier Jahrzehnten nicht mehr viele sichtbare Spuren vorhanden sein werden. weiter lesen »

Frankfurter Hauptfriedhof: Ein Hauch von Genua

Eine Fülle an Skulpturen auf dem Frankfurter Hauptfriedhof sticht schnell ins Auge. Einige der steinernen „Beobachter“ haben eine Restaurierung erfahren und präsentieren sich strahlend und makellos. Auffällig ist aber auch die Menge an kopflosen Figuren. Als wäre eine dunkle Gestalt voller Zerstörungswut über den Friedhof gezogen. Den Griff eines großen Schwertes mit beiden Händen fest umklammernd. Wieder und wieder ausholend, um die schwere Klinge auf die Hälse der steinernen Opfer niedersausen zu lassen. Manche Bruchstelle erscheint frisch. Doch der Blick auf den Boden zeigt keine Köpfe. Womöglich sammelt der Schwertschwingende die Häupter aus Stein. Doch viele Figuren hat der Henker – auch „Lauf der Zeit“ genannt – verschont. So kann ich mich neben Bildwerkskunst aus „Massenproduktion“ wiederholt an individuell Gestaltetem erfreuen.

Melancholisch dreinblickende Schönheiten, Mütter mit ihren Kindern, musizierende Künstler. Und immer wieder Engel. Die überwiegend weiblichen Engel sind besonders fein in Stein modelliert. Die angedeuteten Schleier und Gewänder enthüllen mehr, als sie verdecken. Schön, elegant und erotisch. Lockend, lasziv. Manchmal auch strafend. Der berühmte Engel von Mondeverde ist nicht nur in Genua zu sehen. Auch in Frankfurt beeindruckt eine gewisse Distanziertheit die Besucher. Der Blick entrückt, die Arme vor dem Körper verschränkt, in einer Hand das Horn des Jüngsten Gerichts haltend.


An einem der Nebeneingänge lockt ein Arkadengang. So fühle ich mich ein weiteres Mal an Genua erinnert. Allerdings drängen sich in Italien die Skulpturen in zahlreichen Gängen. Doch auch in Frankfurt fesselt der lange Blick entlang der Bögen, die durch das seitlich einfallende Tageslicht wie auf einem Gemälde alter italienischer Meister nachgezeichnet werden. Hier befinden sich Familiengruften mit einigen schönen Statuen. Manche sind restauriert, manche zerbrochen, andere befinden sich womöglich im „Schönheitssalon“ oder wurden komplett zerstört. Etwas zum Schmunzeln brachte mich das „eiskalte Händchen“. Eine männliche Skulptur – gestützt von einem kopflosen Engel – wurde eines Stückchens Arm beraubt. So hält sich scheinbar eine einsame Hand an einer Erhöhung fest. Das Bild einer über den Boden sausenden abgetrennten Hand taucht unweigerlich vor dem geistigen Auge auf. Addams Family lässt grüßen. weiter lesen »

Alte Baukunst: Die Stabkirche Ringebu

Bedrohlich dunkle Wolken dominieren den weiten Himmel. Kurzzeitig fällt heftiger Regen. Im Gegensatz zu älteren Aufnahmen, auf denen die Kirche von Ringebu in freundlichem Goldbraun zu sehen ist, präsentiert sie sich gegenwärtig – ganz dem Wetter angepasst – in einer gewissen Düsternis. Das einst fast wie Honig schimmernde Holz ist pechschwarz. Einzig die roten Schindeln des Kirchturms und das Rot der Fensterrahmen sorgen für einige wenige Farbtupfer. Ferner hängt Brandgeruch in der Luft. Ursächlich für diese visuellen sowie odorativen Eindrücke ist jedoch kein Feuer, sondern die wiederholte Behandlung des Holzes mit wasserabweisendem Birkenteer.

Erst im 10. Jahrhundert erreichte die christliche Lehre Norwegen. Von den etwa 1000 Stabkirchen, die in der Folgezeit errichtet wurden, sind heute nur noch 28 in einem authentischen Zustand erhalten. Bei der Stabbauweise stehen die Wandplanken im Gegensatz zum erst später aufgekommenen Blockbau senkrecht. Säulen oder Pfosten tragen das Dach.

Die im 13. Jahrhundert errichtete und rund 400 Jahre später durch ein Querschiff und einen Kirchturm ergänzte Stabkirche in Ringebu steht auf einem ehemaligen Thingplatz. An diesem auch Gildevollen (Gildehügel) genannten Ort wurden Volks- und Gerichtsversammlungen nach dem alten germanischen Recht abgehalten. Die Gilden, die wohl für den Bau der Stabkirche verantwortlich sind, hatten die weltliche und religiöse Macht inne. Durch die brüderliche Verbindung bot man sich gegenseitigen Schutz. weiter lesen »